Leonhard Kern (1588 -1662)


Nicht in Hall, sondern in dem gräflich-hohenlohischen Städtchen Forchtenberg wurde am 22. November 1588 Leonhard Kern als vierter Sohn von insgesamt sieben Kindern des Steinmetzen und Werkmeisters Michael Kern d. Ä. geboren. Seine Frau Appolonia war eine geborene Hartmann und stammte aus Krautheim.  

Schon als Kind hielt er sich mit Vorliebe in der väterlichen Werkstatt auf. Bald war zu erkennen, dass hier eine ausgesprochen künstlerische Begabung heranwuchs, die es zu fördern galt. Sein geistiges Rüstzeug erwarb sich Kern – als einziger unter seinen Geschwistern – am hohenlohischen Landesgymnasium in Öhringen. Er verließ dasselbe jedoch schon im Alter von 14 Jahren, um bei seinem ältesten Bruder Michael eine Bildhauerlehre zu beginnen.

Nach Elisabeth Grünenwald* lässt sich das Werk Leonhard Kerns in sechs Schaffensperioden gliedern: Bis etwa 1625 war er mit dem Aufbau seiner Haller Werkstatt und mit der Anknüpfung von geschäftlichen Verbindungen beschäftigt. Seine Arbeiten sind nach Vorbildern gearbeitet, denen er in Italien begegnete. Er gelangte dabei zu einer virtuosen Beherrschung von Material und Form.

Bis zu Beginn der Dreißiger Jahre kam es dann zu einer freien Auffassung bei der Gestaltung seiner Statuetten.

Die dritte, bis etwa 1640 reichende Periode, zeigt in Kerns Werken alle Formelemente der Barockskulptur. Souverän beherrscht er die Balance der Spannungsgegensätze von Raum und Plastik, von Ruhe und Bewegung, von Haupt- und Nebenansicht.

In den anschließend, bis ca. 1645 entstandenen Werken vollzieht sich der Wandel vom klassischen Barock zum Realismus. Beispielhaft dafür ist eine Gruppe der drei Grazien in Budapest. Während seiner ersten Tullauer Jahre pflegt Kern einen Klassizismus von fast rokokohafter Anmut; in seinen letzten Lebens- und Schaffensjahren schließlich erscheinen in den wenigen bekannt gewordenen Werken die Erfahrungen eines langen Lebens vergeistigt und künstlerisch sublimiert.

„Die singuläre Bedeutung Leonhard Kerns - und damit der fundamentale Unterschied zu allen zeitgenössischen Bildhauern – liegt jenseits stil- und kunstkritischer Probleme. Es ist das unaufhörliche Bemühen des Künstlers, den Menschen in seiner Ganzheit, seine innere und äußere Wahrheit zu erfassen und, weit über die reine Naturtreue hinausgehend, ja selbst das gängige Schönheitsideal in Frage stellend, ihn als geistiges Wesen zu begreifen und in ihm das Transzendentale durchscheinen zu lassen.“

* Zur Lebensgeschichte von Leonhard Kern vergleiche: Elisabeth Grünenwald,
Leonhard Kern – Ein Bildhauer des Barock. Schwäbisch Hall 1969